Haben durch Gottes Hand...

 

Versuch über einige Hausinschriften in Warstein-Hirschberg

1. Einleitung

In den Hausinschriften der alten Bauern- und Ackerbürgerhäuser in Hirschberg finden sich Gedanken, die wesentlich älter sind als die Torbalken, in die sie eingeschnitzt sind. Auf die Entstehung und den Ursprung des Hausinschriftenbrauches kann hier nicht näher eingegangen werden, zumal die damit in Zusammenhang stehenden Fragen längst nicht alle geklärt sind.(1) Hier geht es statt dessen um eine ´inhaltliche Interpretation´ der Inschriften, geht es um den Versuch, die Gedankenwelt zu erhellen, deren Produkt die Hausinschriften sind. Das und der Versuch nicht übermäßig in die Länge zu gehen, bedingt den Verzicht auf einige eigentlich notwendige Schritte, z. B. die genaue Auflistung aller Inschriften, ihre Klassifizierung und die Beschäftigung mit den sprachlichen Besonderheiten. Ein weiterer Verzicht ist der, auf ein breites Rezipieren der Fachliteratur. Wer sich genauer mit der Materie befassen möchte, kann aus dem hauptsächlich angeführten Werk – Widera, J.: Möglichkeiten und Grenzen – einer 1990 erschienenen Dissertation, Literaturhinweise in großer Fülle entnehmen.
Grundlage sind die Hausinschriften der Gemeinde Hirschberg (2) (Stadt Warstein, NRW, Deutschland). Hier haben sich Hausinschriften in recht großer Anzahl erhalten, ca. 30 beinschriftete Häuser sind dokumentiert. Seit der Herausgabe der Hausinschriftensammlung von R. Hesse (1971) (3) sind zwar einige Inschriften zerstört worden, dennoch dokumentiert diese Sammlung annähernd den ´Ist-Stand´ der Hausinschriften in Hirschberg. Seit 1971 sind einige wenige neue Inschriften in Hirschberg an Häusern angebracht worden, die Gesamtzahl der beinschrifteten Häuser ist somit in den vergangenen 30 Jahren in etwa gleich geblieben.
Schon bei einer schnellen Durchsicht fällt auf, daß der allergrößte Teil der Hausinschriften aus den Jahren 1788/89 stammt. Das hängt damit zusammen, daß 1788 der letzte große Stadtbrand den größten Teil der damaligen Stadt Hirschberg vernichtete.
Daran erinnert eine Hausinschrift in Hirschberg Bache:

Hirschberg in zehn Jahren eben
muste sich dem Wuth der Flammen zweimahl ganzlich geben
Doch vieles Leiden bringet endlich Freuden
Meinen Wohnplatz habe ich verlassen
weil hab gebaut an diese Strassen (4)

Einerseits ist der Stadtbrand und die Zerstörung der älteren Häuser und ihrer Inschriften ein großer Verlust, da so nur zwei Inschriften erhalten sind, die vor 1788 entstanden. Auf der anderen Seite wird aber deutlich, wie sehr Hausinschriften in dieser Zeit Brauch (5) waren: auch in der Notsituation zweier Stadtbrände innerhalb von nur 10 Jahren war die Hausinschrift fraglose Selbstverständlichkeit bei annähernd allen Häusern, die als Ersatz für die verbrannten Behausungen errichtet wurden.
Bei der nun folgenden Deutung der Hausinschriften geht es vor allem darum, den ´archaischen Gehalt´ (6) dieser Inschriften aufzuzeigen.
In den Hausinschriften spiegelt sich die Welt der archaischen – vormodernen – Menschen wider, obwohl eine große Zahl der Hausinschriften im Jahr der Französischen Revolution geschnitzt worden sind. Zeitgleich mit einem der großen Höhepunkte der Neuzeit dokumentiert sich in den Hausinschriften – nicht allein in Hirschberg – die vormoderne Geisteswelt. (7)


2. Das Haus: Eine Welt, eine Schöpfung

Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Hausbau vor 200 Jahren und dem Hausbau heute, nicht allein unter technischen Gesichtspunkten. Es ist vor allem eine unterschiedliche Wertung des Hauses spürbar, wenn man heutige Häuser mit den Häusern vor 200 Jahren vergleicht. An keiner Stelle wird das so deutlich, wie in einer Hausinschrift in Hirschberg-Bache:


Wir Eheleute Niclaus Platte u Anna-Maria geb. Knikenberg
haben durch Gottes Hand dieses Haus erbaut


Es befremdet zuerst, daß Menschen hier ganz selbstverständlich behaupten, ´durch Gottes Hand´ ein Haus gebaut zu haben. Wenn dieser Gedanke auch in keiner anderen Inschrift so deutlich ausgesagt wird, ganz ähnliche Dinge sind an mehreren Häusern in Hirschberg zu lesen:


...haben dises Haus aufrichten lasen
im Nahmen der heiligesten Dreyfaltigkeit



...habn dises Hus im Namen der heiligeste Dreifaltigkeit wideraufgebauet

Im Nahmen der allerheiligsten Dreifaltigkeit
haben wir [...] dieses Haus errichten lassen


Schließlich ist auch der sog. ´Gottvertrauensspruch´ - die in unterschiedlichen Varianten häufigste Hausinschrift des deutschen Sprachraumes (8) – in diesem Zusammenhang zu sehen.



Auf Gott vertrauet haben dies Haus gebauet


Auf Gott und die heil Agata haben wir vertrauet und dieses Haus erbauet

In Gott vertraut haben dieses aufgebaut

Doch haben wir auf Gott vertrautt und diseß Hauß hier auffgebautt

In verschiedenen Varianten ist dieser bekannte Spruch also in Hirschberg zu finden, ganz nah an der ´Originalversion´ aber erst 1825:



Wer auf Gott vertrauet hat wohl gebauet


Der Spruch geht zurück auf einen Choraltext des Joachim Magdeburg von 1572: „Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut im Himmel und auf Erden“. (9)
Man hat verschieden Erklärungsmuster bemüht, um diese Inschriften zu verstehen. J. Widera schreibt, im Namen Gottes zu bauen, bedeute so etwas, wie eine Übereignung des Hauses an Gott. „Wenn man Gebäude [...] der Gottheit anempfahl, so rechnete man – do ut des – selbstverständlich auch damit, daß dann die Gottheit dafür »Schutzgarantie« übernahm [...].“ (10) Dazu muß jedoch gesagt werden, daß in den Inschriften dieses Typs gar nichts von einer Übereignung zu lesen ist. Sie setzen ihr Vertrauen auf Gott, sprechen davon ´im Namen Gottes´ oder sogar durch die ´Hand Gottes´ errichtet worden zu sein.
Einen Hinweis in die richtige Richtung bietet der 127. Psalm, in dem es gleich zu Anfang heißt „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut.“. Damit sind wir bereits ganz nah an der Aussage der zuerst zitierten Inschrift, die erklärte, daß man das Haus ´durch Gottes Hand´ erbaut habe. Nach der Aussage dieses Psalms ist zu sagen: Die ´Hand Gottes´ ist bei jedem Hausbau nötig, ansonsten ist er vergeblich.
Aber die Frage bleibt, warum braucht ein Haus eigentlich die Hand Gottes? Dahinter steht ein uralter Gedanke: Das Haus ist Welt, Welt für alle Bewohner des Hauses. (11) Dieser lebensfreundlichen und geordneten Welt sthet die lebensfeindliche ´Un-Welt´ gegenüber. In den Wäldern, Brachflächen, auf den Bergen war die Un-Welt den Menschen gegenwärtig. In den Sagen und Märchen begegnen uns diese Bereiche als Orte der unheimlichen – lebensfeindlichen, akosmischen – Mächte. Der Wald ist ein nicht umhegter, nicht umzäunter Bereich, also deutlich von den eingefriedeten Siedlungen abgegrenzt. Ein besonders glücklicher Beleg für die Auffassung von der Gefährlichkeit des ´akosmischen Waldes´ liegt in der altsächsischen Bibeldichtung, dem sog. »Heliand« vor. Hier spielt sich die Versuchung Jesu durch den Satan nicht – wie in der biblischen Vorlage – in der Wüste ab, der altsächsische Dichtermönch verlegt die Versuchung Jesu in den Wald. Wald und Wüste werden gleichgesetzt:

Aufhielt sich im Urwalde / das allmächtige Gotteskind
eine lange Weile / bis ihn der Wunsch ankam,
des Mächtigen Kraft / den Menschen zu künden,
dem Volke zum Frommen. / Da verließ er des Forstes Schirm,
den Aufenthalt in der Einöde, / und suchte Umgang mit Menschen. (12)

Von dieser gefährlichen Un-Welt war der Bereich der Städte abgegrenzt. Zuerst war es der Gürtel landwirtschaftlich genutzter Flächen rund um die Städte, noch heute als große Blößen rund um Hirschberg, Warstein und Kallenhardt erkennbar. Die entscheidende Grenze, die Scheidelinie zwischen Welt und Un-Welt war jedoch die Stadtbefestigung, die Stadtmauer. Diese Mauer war viel mehr, als allein ein mechanischer Schutzwall gegen feindliche Truppen. Sicher, das war sie auch, darüber hinaus aber auch eine Grenze zwischen Welt und Un-Welt. (13)
Tagsüber war die Grenze durch die Mauer scharf gezogen. Aber in der Nacht wurde diese Grenze plötzlich fließend, denn mit der Dunkelheit zog auch die Un-Welt über die Mauern der Stadt. (14) Den Menschen in der Stadt blieb in der Nacht allein das eigene Haus; dieser kleine Bereich war im Dunkeln der Städte allein sichere Welt – jenseits der Tür begann die Un-Welt. (15) Interessant ist in diesem Zusammenhang die Rolle des Nachtwächters. Er wurde im Mittelalter vereinzelt zu den verachteten Berufen gezählt. (16) Die überlieferten alten Stundenrufe und Lieder der Nachtwächter weisen einen Weg:

„Aus der Nacht verborgnem Schoß
macht der böse Feind sich los.
Schleicht mit leisen Mörderschritten
um der Menschenkinder Hütten.“ (17)

Hier wird deutlich, als wie gefährlich die Nacht erfahren wurde. Dieser Macht des ´bösen Feindes´ war der Nachtwächter jede Nacht ausgesetzt. Er hatte durch seine Anwesenheit, sein Singen und Blasen, dem bösen Feind etwas entgegenzusetzen – er war ein winziges ´kosmisches Element´ in der bedrohlichen Dunkelheit. Zu bedenken ist dabei: In einer Zeit ohne Straßenbeleuchtung war die Nacht wirklich dunkel, gab die Laterne des Nachtwächters nur einen kleinen ´Lichtpunkt´ ab. Wer, wie der Nachtwächter, ständig in der gefährlichen, akosmischen Nacht stand, war selbst potentiell gefährlich: Vielleicht hatte doch die akosmische Macht längst auf ihn selbst übergegriffen.
Auch der eben schon zitierte 127. Psalm, in der zweiten Hälfte des ersten Verses, weist wieder in diese Richtung. Nicht nur das Haus, die ganz kleine Welt, bedarf der Erbauung durch Gott, auch die nächst größere kosmische Einheit, die Stadt, braucht diese göttliche Unterstützung:

Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht,
wacht der Wächter umsonst.

Wie eng die Verbindung von Welt und Haus für die archaischen Menschen war, läßt sich auch am Beispiel der Irminsul zeigen. Dieses altsächsische Stammesheiligtum symbolisierte die Weltsäule, die Säule, auf der Himmel und Erde aufruhen, die den Bestand von Himmel und Erde sichert, die den Mittelpunkt der Welt darstellt. J. Trier hat in einer sprachlichen und mythologischen Untersuchung der Irminsul darauf aufmerksam gemacht, daß die Irminsul aus dem Hausbau abzuleiten ist. Sie ist die kosmische Überhöhung der wichtigsten tragenden Säule des Hauses. (18)
Das Haus ist für den Menschen „Welt“, abgesetzt von der umgebenden Un-Welt. Viel später entstanden, aber genau treffend heißt es in einer Hausinschrift aus Kallenhardt

Mein Haus ist meine Welt.

Eine „Welt“ kann der Mensch jedoch nicht selber ´machen´. Eine Welt zu ´machen´ bedeutet Schöpfung. (19) Schöpfung ist dem Menschen aber nicht möglich, Schöpfer ist allein Gott.
Nun, nach diesem langen Ausflug in die Vergangenheit und die Mythologie, wird deutlich, was es eigentlich heißt, wenn am Haus zu lesen ist, hier sei ´durch Gottes Hand´ oder ´im Namen der Heiligsten Dreifaltigkeit´ gebaut worden. Es ist die Einsicht, mit dem Hausbau einen schöpferischen Akt vollzogen zu haben, einen Akt, zu dem Menschen eigentlich nur den äußeren Rahmen beitragen. Die ´Vollendung´, den Bestand, den Frieden dieser eigenen Welt kann nur Gott garantieren.
Solche Gedanken tauchen in Hausinschriften erst recht spät auf, wie eben auch die Hausinschriften erst recht spät einsetzen. Die Inschriften bestehen zuerst nur aus der Jahreszahl der Erbauung. Später werden der Jahreszahl die Namen der Erbauer zugefügt. Solche Inschriften gibt es auch in Hirschberg:

Franciscus Hirnstein und Anna Lucia Conradi Eheleute
haben dieses hous errichten lassen Anno 1788 13 Aug




Hir haben wir gebauet Hermanus Falcke und Maria Elisabet Zeiger
2 verknupte Eleute haben dises Haus erbauet den 25 Avivst Ano 1788


In Hirschberg sind diese Inschriften deutlich in der Minderheit. Nur sechs Inschriften sind erhalten, in denen der Ausdruck des Gottvertrauens fehlt. Fünf dieser Inschriften enthalten jedoch religiöse Symbole, vor allem das Christus-Monogramm IHS, sie sind also nicht wirklich ´Gott-vergessen´. (20)
Es ist vielleicht die in den verschiedenen Stadtbränden besonders deutlich gewordene Gefährdung der geordneten Welt, die die meisten Hirschberger dazu führte, in der Hausinschrift die besondere Rolle Gottes beim Hausbau zu betonen, bis hin zur Formulierung ´durch Gottes Hand´ gebaut zu haben.


3. Die gefährdete Welt – Gott und die Heiligen bieten Sicherheit

Der Hausbau, so das Ergebnis des vergangenen Kapitels, war für die Menschen eine ´Schöpfung´, war die Errichtung einer ´Welt´. Es ist ein Kennzeichen des archaischen Weltbildes, daß die einmal geschaffene Welt nicht ungefährdet ist. Die verschiedensten Gefahren lauern und gefährden den Bestand der Welt. Nicht nur die große Welt steht solchen Gefahren gegenüber, auch die kleine Welt – das Haus – ist ständig von der Un-Welt bedroht.
In Hirschberg – wie in den meisten anderen Städten auch – hatten vor allem verheerende Stadtbrände die Gefährdung in drastischer Deutlichkeit gezeigt. Da kann es nicht verwundern, daß es neben der Anrufung Gottes selbst immer wieder die heilige Agatha (21) ist, die in den Hausinschriften Erwähnung findet, der man vertraut, auf deren Fürbitte man hofft. In den alten Hausinschriften Hirschbergs findet sich allein die heilige Agatha, kein anderer Heiliger, keine andere Heilige wird in den Inschriften genannt.

O heilige Agata durg deine Fürbit
wil uns Got befreien für zeitlichem und ewigem Feuer
Ferdinand Wasserhöwel und Tresia Bus

Den Menschen des 18. Jahrhunderts blieb gar nichts anderes übrig, als sich auf diese Art und Weise gegen die Gefahren, vor allem gegen die Brandgefahr, zu ´versichern´. Brände – auch heute noch bedrohlich genug – bedeuteten damals eine noch größere Gefahr. Sie konnten die Existenz der Menschen vollkommen vernichten. Vor allem blieben Feuer in den engen Städten nur selten auf ein Haus oder einzelne Häuser begrenzt. In Warstein reichte 1606 ein einzelner Büchsenschuß, um die ganze Stadt in Schutt und Asche zu legen. (22) Das Feuerversicherungswesen stand noch ganz am Anfang, die Deckungssummen waren gering. Angeblich soll es in Franken folgende Hausinschrift gegeben haben:

Sankt Florian du sakrischer Schwanz -
wir brauchen dich nimmer, wir haben Assecuranz (23)

Von solcher Sicherheit sind die Inschriften in Hirschberg weit entfernt; das Vertrauen in Gott und die heilige Agatha war – zumindest ausweislich der Hausinschriften – größer, als das in die Feuerversicherung.
Auch das ist ein sehr alter, ´unmoderner´ Zug. Erst die Neuzeit und der Erkenntnisgewinn der Naturwissenschaften brachten Fortschritte in vielen Bereichen des Lebens, denen der Mensch bis dahin hilflos ausgeliefert war. Am deutlichsten wird das in der Medizin. An den Grenzen der ärztlichen Kunst (oder auch beim Fehlen ausgebildeter Ärzte) setzt der Glaube und ebenso der ´Aberglaube´ ein, damals nicht anders als heute. Zu Zeiten, in denen die Möglichkeiten der Medizin äußerst begrenzt waren, mußten Glaube und ´Aberglaube´ an diese Stelle treten.
Die Hausinschriften sind eine Art ´immerwährendes Gebet´. Mit jedem erneuten Lesen wurden die Fürbitten wiederholt – und werden es bis heute! In dieser Schutzbitte liegt sicherlich einer der Ursprünge des Hausinschriftenbrauches. (24)


4. Die Tür – Nahtstelle zwischen Welt und Un-Welt

Das Haus als Welt, außerhalb des Hauses – zumindest potentielle – Un-Welt; es leuchtet ein, daß damit der Nahtstelle, der Verbindung und Grenze zwischen diesen beiden Bereichen eine besondere Bedeutung zukommt: der Tür. Es reicht ein Blick in das Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, um einen Eindruck von der Fülle der Bräuche und Praktiken zu erlangen, die an Tür, Tor und Schwelle gebunden waren. (25) Hier wird die Bedeutung der Tür als Grenze zwischen Welt und Un-Welt überdeutlich.
Im berüchtigten Hexenhammer wird mehrfach auf die besondere Bedeutung der Tür oder Schwelle im angeblichen Hexenglauben verwiesen. Immer wieder tauchen hier Berichte auf, daß Hexen unter der Schwelle des Haustores Zaubermittel vergraben und so dem ganzen Haus Schaden zugefügt haben. Durch dieses ´Untergraben´ der Schwelle ist ihre abgrenzende Wirkung verlorengegangen, die Bewohner sind nun dem Zauber hilflos ausgesetzt. (26)

„Nider erwähnt außerdem a.a.O., daß ein gewisser Hexer, mit Namen Stadlin, in der Diözese Lausanne gefangen worden sei, der auch eingestand, daß er in einem bestimmten Hause, wo ein Mann mit seinem Weibe wohnte, durch seine Hexenkünste nach und nach sieben Kinder im Mutterleibe getötet habe, so daß das Weib viele Jahre Frühgeburten hatte. Ähnliches tat er in demselben Hause allen trächtigen Schafen und Rindern, von denen keines in den Jahren ein lebendes Junges brachte; und als der Hexer gefragt wurde, wie er solches bewirkt habe oder wesmaßen er Angeklagter sein könnte, erklärte er die Tat mit den Worten: »Ich habe unter die Schwelle des Hauseinganges eine Schlange gelegt, und wenn diese entfernt wird, werden auch die Bewohner wieder fruchtbar werden;« und wie er vorausgesagt, so geschah es. Denn wenn auch die Schlange nicht wieder gefunden ward, da sie in Staub verwandelt war, so trug man doch die Erde alle weg, und in demselben Jahr ward die Frau und ebenso alle Tiere wieder fruchtbar.“ (27)

Ein Mittel gegen solche Angriffe aus der Un-Welt ist die Magie. Die Verwendung religiöser Zeichen an den Torbalken ist wohl vor allem durch solche Vorstellungen zu erklären: „Die Hausinschrift steht genau dort, wo das Haus am gefährdetsten ist: am Dach und über der Öffnung, über Tür und Tor.“ (28) Eine ganz typische Form ist das Anbringen der Namenszeichen Maria, Jesus, Josef. Unterschiedliche Abkürzungen sind hier bekannt. Der Monogramm-Charakter zeigt, daß es hier nicht allein um die Nennung der Namen geht. In der gewissermaßen ´verschlüsselten´ Form (z.B. MRA IHS IOP) entfalten die heiligen Namen eine ganz besondere Wirksamkeit. Schon die Namen allein haben eine Macht, durch die Verschlüsselung wird diese Macht noch einmal gesteigert. Es sind dies typische Elemente von Magie und Aberglauben: Das Vertrauen auf die besondere Macht des Namens und die Verschlüsselung zur Steigerung der Wirksamkeit. Beide Elemente begegnen z.B. auch in den verschiedenen überlieferten Zaubersprüchen. Die Verschlüsselung steigert das Geheimnisvolle; und was so geheimnisvoll ist, muß auch besonders wirkungsvoll sein. Das weiß noch heute jeder ´Salon-Magier´, es macht aber auch die Faszination der Sakralsprache Latein in der römischen Messe aus, weshalb bestimmte Kreise am Latein festhalten wollen, wider jedes Argument der Vernunft – die ja letztlich für diesen Bereich auch nicht wirklich zuständig ist.
Der apotropäische Charakter wird in der Ausführung der Monogramme deutlich: Sie sind mehrfach von einem Strahlenkranz, fast immer wenigstens von einem Kreis, umgeben. Hier wird die Bedeutung des ´kosmischen´ Lichtes gegen die ´akosmische Dunkelheit´ besonders anschaulich greifbar. In Hirschberg nicht erhalten, jedoch im Möhnetal und auf der Haar (Berghof bei Niederbergheim, Oberbergheim) noch zu finden, sind ganz ähnlich gestaltete Giebelinschriften an der höchsten Stelle des Hauses. Hier erscheint das Christusmonogramm IHS inmitten einer Strahlensonne.


5. ´Moderne´ Gedanken in einem alten Gewand

Zwar erscheint er nur an einer Stelle, aber es verwundert nicht, an einem der Hirschberger Häuser ein bekanntes Zitat aus dem Munde des alttestamentlichen Hiob zu finden:

Der Her hats gegebn der Her hats genome I N D H S gbdeiet
[= der Name des Herrn sei gebenedeiet]

In Hiob wurde allein der exemplarische Duldner gesehen, der mit Gleichmut Gutes und Böses aus der Hand Gottes zu empfangen weiß. Als Prüfung oder Geschick und Verhängnis Gottes konnten auch die verschiedenen Brände verstanden werden:



Die Hand deß Herrn hatt unß berührt
Durch Feuer sind wirr zweymal probirt



Probasti (cor) meum Deus, visitasti nocte, igne me examinasti Ps 16



Weilen uns der gütige Gott zweimahl unsere Haus
durch die F. Funcen hat lasen sincen


Die Gedanken, die hinter solchen Formulierungen stehen, sind uns vielleicht fremd, sie stellen aber bereits einen großen Fortschritt gegenüber den ´archaischen´ Gedanken der bisher behandelten Hausinschriften dar, sie überwinden die Struktur des archaischen Denkens. Das Feuer erscheint nicht mehr als Einbruch der lebensfeindlichen Un-Welt in die geordnete Welt. Statt dessen ist es der allmächtige Gott selbst, der dieses Feuer schickt.
Schon im Alten Testament setzt dieser Gedankengang ein. Neben der Allmacht des Gottes des Volkes Israel kann keine andere Macht bestehen, die in der Lage wäre, die von Gott geschaffene Welt wirklich zu bedrohen. Israel setzt sich damit deutlich von den Vorstellungen der Nachbarvölker ab. Durch die Bibel gelangt diese Vorstellungen nun an die Hirschberger Inschriftenbalken. Auch die gepredigte Theologie dürfte diese Gedanken verbreitet haben. So ist es sicherlich kein Zufall, daß gerade am Pfarrhaus das lateinische Psalmzitat zu finden ist, das im Feuer ein Prüfung durch Gott erblickt. (29)


6. Archaisches im 19. Jahrhundert

In den bisherigen Ausführungen wurde deutlich, daß sich in einer ganzen Reihe von Hausinschriften archaisches Gedankengut findet, daß letztlich hinter einigen Hausinschriften sogar uralte Welt-Bilder zu erkennen sind. Offen geblieben ist bisher weitgehend die Frage, wie es in der Neuzeit noch zu solchen Gedanken kommen konnte.
Die einfachste Annahme ist ein ungebrochene Kontinuität. Solche Kontinuitätsannahmen wurden von der Volkskunde in der Vergangenheit gern und häufig angenommen. Dieses einfache Erklärungsmuster ist aus der wissenschaftlichen Diskussion mittlerweile verschwunden (Ausnahmen gibt es von solchen Regeln immer). (30) Im Falle der Hausinschriften gibt es klare Argumente gegen die Annahme einer jahrhundertelangen Kontinuität. Der Hausinschriftenbrauch ist noch nicht alt genug, um wirklich an diese ältesten Schichten anknüpfen zu können.
Genaue Jahresangaben lassen sich nicht angeben, aber es liegt auf der Hand, daß Hausinschriften erst dann allgemein gepflegter Brauch werden konnten, als die Mehrheit der Bevölkerung des Lesens und Schreibens mächtig war. Schon hier wird deutlich, daß ein Ansatz des Hausinschriftenbrauches vor der beginnenden Neuzeit verfehlt ist.
Außerdem haben sich die Hausinschriften langsam entwickelt, von der einfachen Jahreszahl der Erbauung, über die Angabe der Erbauer bis hin zu den langen und komplexen Haussprüchen, die gar nicht mehr direkt Bezug nehmen auf die Tatsache des Hausbaus. (31) Das deutlichste Beispiel aus Hirschberg ist leider nicht mehr erhalten:

Sit nomen Domini benedictum :
Halte Gott vora alzeit, gedenck an seine Barmherttzigkeit.
Las ihne aus sein Hertzen nicht weil er die Seligkeit verspricht
:
Matias Blutgen und Maria Tresia Köster
ANNO 1789 den 23

Kontinuitäten mag es möglicherweise bei magisch verstandenen Zeichen gegeben haben, in deren Nachfolge nun die Heiligenmonogramme stehen. Allerdings gibt es auch dafür keine sicheren Anhaltspunkte, denn auch diese Zeichen lassen sich durchaus aus biblischem Denken herleiten. (32)
Die Kontinuität liegt also nicht einfach in der äußeren Form, sie läßt sich allein in den Inhalten der Hausinschriften wiederfinden. Das Archaische der Gedanken und Vorstellungen muß auf andere Art erklärt werden. M. E. sind es zwei wichtige Faktoren, die dazu führten, daß uraltes Gedankengut seinen Niederschlag an den westfälischen Bauernhäusern des ausgehenden 18. Jahrhunderts fand. Einmal ist es die grundsätzliche Ähnlichkeit der Lebenswelten, zum andern die Verwurzlung in der christlichen Religion.
Trotz aller technischen und wissenschaftlichen Fortschritte bis 1789: Der Sprung um 1000 Jahre zurück führt in eine vertrautere Lebenswelt, als der Sprung 200 Jahre nach vorn, in unsere Zeit. Der entscheidende Bruch, der tatsächliche Aufbruch in die Neuzeit stand vielen Menschen vor 200 Jahren noch bevor. Die Menschen waren noch in fast gleichem Maße von der Natur abhängig, ihr ausgeliefert. Die Gesellschaft, das politische System, entsprach auch nach seinem Selbstverständnis eher der archaischen Königsideologie, was sich in Formulierungen wie „König von Gottes Gnade“ zeigt.
Der Bruch im Denken ist zwar längst vollzogen – dafür stehen Namen wie Kopernikus, Bruno, Galilei. Von diesem philosophischen Umbruch war es aber noch ein langer Weg bis zum spürbaren Umbruch in der Lebenswelt und im Denken der ´einfachen Menschen´.
Entscheidender ist vielleicht noch der Einfluß der Religion. Sie hatte einen wesentlich höheren Stellenwert im Leben der Menschen. Vor allem ihr Einfluß auf die Vorstellungswelt ist heute kaum noch nachvollziehbar. Grundlage der christlichen Religion ist die Bibel. Diese steht nun aber mit beiden Füßen im archaischen Milieu – obwohl gerade sie bereits deutliche Ansätze zur Überwindung archaischer Denkmuster enthält – dem vorderen Orient des ersten vorchristlichen Jahrtausends und des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Über die Bibel und die letztlich auf ihr fußende Theologie gelangten diese Vorstellungen zu den Menschen des 18. Jahrhunderts.
Ein Beispiel für den ´einfachen Landbewohner´ und seine Gedankenwelt bietet Annette von Droste-Hülshoff in ihrem Gedicht „Die Mergelgrube“:


Ich war hinaufgeklommen, stand am Bord,
Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel;
Er steckt´ ihn an den Hut und strickte fort,
Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel.
Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf -
»Bertuchs Naturgeschichte; lest ihr das?«
Da zog ein Lächeln seine Lippen auf:
»Der lügt mal, Herr! Doch das ist just der Spaß!
Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt,
Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen;
Wär´s nicht zur Kurzweil, wär´ es schlecht gehandelt:
Man weiß ja doch, daß alles Vieh versoffen.«
Ich reichte ihm die Schieferplatte: »Schau,
Das war ein Tier.« Da zwinkert´ er die Brau
Und hat mir lange pfiffig nachgelacht –
Daß ich verrückt sei, hätt´ er nicht gedacht!


Der Bauer liest von den neuen Ideen, der Naturwissenschaft; er bleibt aber seinem alten Weltbild treu. Sicherlich ist dieser Bauer eine Klischee-Figur, ganz aus der Luft gegriffen ist er aber wohl nicht.


7. Nachblüten – Hausinschriften nach 1788/89

Der Hausinschriftenbrauch scheint in Hirschberg lange lebendig geblieben zu sein. Ganz selbstverständlich erscheint der Gottvertrauensspruch 1825 in gewissermaßem ´biedermeierlichen´ Gewande. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts sind Hausinschriften überliefert, die ganz auf der Linie der älteren Inschriften liegen. Das ändert sich jedoch in den 30er Jahren. Die Zeit nationalsozialistischer ´Rückbesinnung´ geht auch an den Hirschberger Hausinschriften dieser Jahre nicht spurlos vorbei. Das deutlichste Beispiel:



Der Ahnen Erbe erhalte rein bedenke stets es ist nicht dein


Der Wortschatz ist eindeutig, bedarf eigentlich keiner weiteren Kommentierung. Es handelt sich letzlich um eine vom nationalsozialistischen Denken verengte Vereinfachung eines bekannten Goethe-Zitats, (33) das ebenfalls in den 30er Jahren in einen Hirschberger Torbalken geschnitzt wurde:

Was du ererbt von deinen Vätern erwirb es um es zu besitzen
Angebaut von der fünften Generation

Auch hier ist letztlich – trotz der völlig unverdächtigen Herkunft – das geistige Klima jener Zeit deutlich zu spüren. Es war eine Zeit, in der man in Ahnenseeligkeit schwelgte, Traditionen und Kontinuitäten suchte (und immer fand, auf Teufel komm raus...) und im Pathos des Vergangenen weste und waberte. (34)
Solche Tendenzen zeigen sich auch in den Inschriften am Gasthof Cramer, der 1934 erneuert wurde. Er präsentiert sich heillos überladen. Neben der alten Torinschrift wurden nun ´traditionelle Elemente´ über das Haus verteilt, ´Neidköpfe´ an den Ecken (an den alten Häusern Hirschbergs nicht zu finden), sogar an der Ecke des kleinen Vorbaus. Diesen Vorbau beinschriftete man – nun wirklich ganz und gar unwestfälisch – mit Grüss Gott. (35) Auch bei den neuen Inschriften wurde besonders darauf geachtet, ´traditionelle´ Haussprüche zu wählen, auch die Verwendung des Plattdeutschen weist in diese Richtung. Bis hin zum letzten Spruch aus den 70er Jahren kann man an diesem Gebäude studieren, wie sehr die nachträglichen Inschriften am Geist der ursprünglichen Torinschrift von 1788 vorbei gehen:

Vertrau auf Gott, doch auch auf deine eigne Kraft,
Gott segnet nur, was du dir selbst geschafft

Ein weiteres ´Inschriftenrevival´ wird in einer Hausinschrift von 1967 deutlich:




Daue Recht un kuiere waohr dann mümmeste guet düärt ganze Jaohr


Die Verwendung des Plattdeutschen in den Hausinschriften ist in Hirschberg eine ganz ´moderne´ Erfindung. Die alten Hausinschriften von Hirschberg sind in Hochdeutsch beschriftet, wenngleich sich in vielen Inschriften regionale Sprachfärbungen erkennen lassen. Die Inschrift von 1967 läßt ahnen, warum die alten Hausinschriften nicht Plattdeutsch geschnitzt waren: Plattdeutsch ist keine ´Schriftsprache´ - auch wenn es heute vielleicht schon mehr geschrieben als gesprochen wird. Seine exakte Aussprache kann nur sehr unzureichend wiedergegeben werden, die feinen regionalen Unterschiede in der Aussprache, auf die z.B. die Karten imPlattdeutschen Wörterbuch des Kurkölnischen Sauerlands aufmerksam machen, bleiben auf der Strecke.
In den alten Hausinschriften erscheint das Plattdeutsche nicht, weil die Hausbesitzer gerade ihre ´gehobene Kultur´ zeigen wollten, weshalb man sogar gelegentlich die Hochsprache Latein benutzte. Hochdeutsch war die Sprache für besondere Gelegenheiten, die Amtssprache, Plattdeutsch die Alltagssprache. 1967 hat sich das bereits umgekehrt. Mit der Verwendung des Plattdeutschen in einer Hausinschrift von 1967 weist sich der Bewohner nun jedoch ebenfalls als Träger einer besonderen Kultur, der ´plattdeutschen Kultur´, aus. Paradoxes Fazit: Diese Inschrift hat mit den traditionellen Inschriften eigentlich gar nichts gemein, trifft aber in diesem Punkt deutlich deren Absicht. Inhaltlich verbreitet sie eine sehr allgemeine, eher schlichte, Weisheit, läßt dagegen die traditionellen Elemente der Hirschberger Hausinschriften aus: die Erwähnung Gottes und der Heiligen (Agatha), die Nennung der Namen der Erbauer, die Christus- und/oder Heiligenmonogramme
Auch die jüngste Hirschberger Hausinschrift zeigt die Probleme auf, die sich bei der Fortführung alter Traditionen schnell ergeben:




Schütze gegen alle Feinde Heiliger Christophorus
Errichtet nach dem Stadtbrand von 1788 durch Anton Wulff.
Später umgebaut und erweitert durch die Familien Gast und Deutenberg.
1990 erneuert durch die Eheleute Hermann Schulte.


Die Schutzbitte ist vordergründig ganz im Stil der alten Inschriften, trotzdem fällt sie aus dem Rahmen. Der Heilige Christophorus – obwohl Patron der Pfarrkirche – kommt in den alten Hausinschriften nicht vor. Entscheidendes Anliegen der Bewohner vor über 200 Jahren war der Schutz vor einer weiteren Feuersbrunst – und dafür war die Heilige Agatha zuständig. Die Schutzbitte an den Heiligen Christophorus ist dem Patronatslied entnommen, das vom Hirschberger Pfarrer Theodor Böckelmann (von 1946 – 1958 Pfarrer von Hirschberg) gedichtet worden ist. Der Liedtext spiegelt den Geist der damaligen Zeit deutlich wider; es ist die Zeit des ´Triumphkatholizismus´ der 50er Jahre. Eine weitere Inschrift in Hirschberg entstammt dem Christophoruslied, sie ist auf dem Grundstein der umgebauten Pfarrkirche zu finden:

Hilf uns kämpfen, hilf uns siegen, Heiliger Christophorus

Das Lied und seine Formulierungen fallen aus dem traditionellen Rahmen der Hirschberg Hausinschriften heraus; „gegen alle Feinde“ zu schützen ist eine Ausdrucksweise, die den traditionellen Inschriften eher fremd ist. Bei ihnen stehen konkrete Gefahren und konkrete Anliegen im Vordergrund. Diese sehr allgemeine Formulierung ist allein aus der geistigen Verfassung der katholischen Kirche der 50er Jahre zu erklären, die eine Vorliebe für militärisches Vokabular hatte. In den typischen Kirchenliedern dieser Zeit – meist aus der Feder Marie-Luise und Georg Thurmaiers – klingen ganz ähnliche Töne an:

„In deiner Kraft hat er gewagt, zu widerstehn dem Bösen,
blieb festen Muts und unverzagt, so hart der Streit gewesen.
Er hat gesiegt durch deine Macht; er hat des Lebens Lauf vollbracht,
den guten Kampf gekämpft.“ (36)

Bei der ´Hauschronik´, dem unteren Teil der Inschrift, gibt es einen weiteren deutlichen Unterschied zwischen der modernen und den traditionellen Hausinschriften. Die moderne Hausinschrift führt allein den Namen des Mannes an. In den traditionellen Inschriften werden fast immer beide Eheleute mit vollem Namen genannt, meist sogar mit dem Geburtsnamen der Frau. Sicherlich war diese Zeit weit entfernt von der Verwirklichung der Gleichberechtigung von Mann und Frau; aber gerade deshalb fällt dieser ´emanzipierte´ Zug der Hausinschriften um so deutlicher ins Auge. Es zeigt sich, daß also die traditionellen Hausinschriften in der Inklusivität ihrer Sprache der Gleichberechtigung schon deutlich näher waren, als die moderne Inschrift mit ihrer exklusiven Sprache. Diese Inschrift ergibt dennoch ein rundes Bild: Es ist der restaurative Geist der 50er Jahre, der diese Inschrift von 1990 prägt.
In solchen Kleinigkeiten wird deutlich, daß unser Bild von vergangenen Zeiten, deren Lebensumständen und sozialen Wirklichkeiten häufig einer Korrektur bedarf.


8. Abschließende Gedanken: Fortführung eines alten Brauches

1967 schrieb J. Vincke am Schluß eines Aufsatzes über westfälische Hausinschriften: „Einige Menschenalter können genügen, daß man in Westfalen ein Haus ohne Inschrift wieder empfindet wie ein Ei ohne Salz.“ Nun ist seitdem schon eine gewisse Zeit vergangen – Hinweise für ein spürbares Wiederaufleben des Inschriftenbrauches zu einer fraglos selbstverständlichen Übung gibt es nicht.
Im letzten Abschnitt ist schon deutlich geworden, daß eine Fortführung des Inschriftenbrauches gar nicht so einfach ist. Selbstverständlich sollen hier keine abschließenden Urteile über die neueren Inschriften gefällt werden, das wäre anmaßend. Aber es muß erlaubt sein, diese Inschriften zu kommentieren und darauf hinzuweisen, daß das Anbringen einer Hausinschrift noch nicht automatisch das ungebrochene Fortführen einer Tradition, eines Brauches, bedeutet. Einen wirklichen Inschriftenbrauch gibt es seit langer Zeit nicht mehr, Neubauten mit Hausinschriften sind äußerst selten, die Beinschriftung hat den wichtigsten Zug des Brauches, die fraglose Selbstverständlichkeit, längst verloren. Das hat viele Gründe, einer davon ist rein technischer Natur: Wo wäre überhaupt an Neubauten ohne großes Deelentor die geeignete Stelle für eine Hausinschrift?
Wir stehen eben in einer völlig anderen Zeit als die Menschen von 1788/89. Und irgendwie müßte sich diese völlig andere Zeit auch in den Inschriften niederschlagen – aber wie? Die oben aufgeführten Versuche, die sich selbst wohl als Fortführung der traditionellen Linie verstehen – spiegeln das nicht wirklich wider. Die ´neue Zeit´ zeigt sich in Hirschberg vielleicht am ehesten am Gasthof Cramer:

Vertrau auf Gott, doch auch auf deine eigne Kraft,
Gott segnet nur, was du dir selbst geschafft

Noch deutlicher wird die Neuzeit in einer Inschrift aus Kallenhardt:



Mit Gottes Hilfe erbaut – mit Freundes Hilfe erneuert


In beiden Inschriften wird die veränderte Geisteshaltung der Menschen deutlich: Wo früherdurch Gottes Hand gebaut wurde, packen heute die Freunde mit an, wo früher das Bewußtsein der Vergänglichkeit und der Abhängigkeit von Gottes Gnade stand, steht heute der Stolz auf das selbst Geschaffene im Vordergrund. So lassen sich auch diese Inschriften wieder in die geistige Landschaft der Neuzeit einfügen, sind sie deutlich Kinder unserer Zeit – so wie die alten Inschriften Kinder der alten Zeit waren.
Neue Hausinschriften müßten anders aussehen und anders klingen als die alten, denn das 21. Jahrhundert ist nicht das 18. Jahrhundert. Es bleibt nur die Frage, ob die Form der Hausinschrift nicht völlig untypisch ist für Menschen des 21. Jahrhunderts. Bekenntnisse und Weisheiten derart offen und langlebig nach draußen zu tragen ist gewiß kein Kennzeichen des ´modernen Menschen´.
Aber es ist trotz allem gut, daß es auch heute noch vereinzelte Hausinschriften gibt. Denn auch sie können sehr viel über die Bewohner aussagen, und sie werden vielleicht auch in 200 Jahren noch Menschen dazu anregen, sich Gedanken über die Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts zu machen – ganz so, wie sich von den alten Hausinschriften immer wieder viele Menschen zum Lesen und Nachdenken über das Geschriebene und die Menschen, die dahinter standen, haben anstiften lassen.



Eine besonders großzügige Hausinschrift aus Oberbergheim.


9. Literatuverzeichnis

Bender, Joseph: Geschichte der Stadt Warstein. Aus den Quellen bearbeitet. Werl: 1973 (= Nachdruck der Originalausgabe von 1844)

Dankert, Werner: Unehrliche Leute. Die verfemten Berufe. Bern: 1963

Daxelmüller, Christoph: Aberglaube, Hexenzauber, Höllenängste. Eine Geschichte der Magie. München: 1996

Eliade, Mircea: Die Religionen und das Heilige. Elemente der Religionsgeschichte. Frankfurt: 31994 (= unveränderter Nachdruck der 1954 im Otto Müller Verlag, Salzburg, erschienenen Übersetzung von M. Rassem und I. Köck)

Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Hg. v. Hanns Bächtold-Stäubli. Berlin: 1927 – 1942

Hasenfratz, Hans-Peter: Die toten Lebenden. Eine religionsphänomenologische Studie zum sozialen Tod in archaischen Gesellschaften. Zugleich ein kritischer Beitrag zur sogenannten Strafopfertheorie. Leiden: 1982 (= Beihefte der Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 24)

Heliand und die Bruchstücke der Genesis. Aus dem Altsächsischen und Angelsächsischen übertragen von Felix Genzmer. Stuttgart: 1955

Hesse, Reinhard: Hausinschriften. Überlegungen zur Begründung und Methodik einer geschichtswissenschaftlichen Beschäftigung mit Bürger- und Bauernhausinschriften. Erläutert an den Inschriften des Amtes Warstein. Hg. Vom Amt Warstein. Balve: 1970

Kontinuität? Geschichtlichkeit und Dauer als volkskundliches Problem. Hrsg. Von Hermann Bausinger und Wolfgang Brückner. Berlin: 1969

Maag, Victor: Kosmos, Chaos, Gesellschaft und Recht nach archaisch-religiösem Verständnis. In: Kultur, Kulturkontakt und Religion. Gesammelte Studien zur allgemeinen und alttestamentlichen Religionsgeschichte. Hg. v. Hans Heinrich Schmid und Odil Hannes Steck. Göttingen: 1980, S. 329 – 341

Maag, Victor: Religionswissenschaftliche Aspekte moderner Kulturkontakte. In: Kultur, Kulturkontakt und Religion. Gesammelte Studien zur allgemeinen und alttestamentlichen Religionsgeschichte. Hg. v. Hans Heinrich Schmid und Odil Hannes Steck. Göttingen: 1980, S. 347 – 393

Maag, Victor: Unsünbare Schuld. In: Kultur, Kulturkontakt und Religion. Gesammelte Studien zur allgemeinen und alttestamentlichen Religionsgeschichte. Hg. v. Hans Heinrich Schmid und Odil Hannes Steck. Göttingen: 1980, S. 234 – 255

Schmülling, Wilhelm: Hausinschriften in Westfalen und ihre Abhängigkeit vom Baugefüge. Münster: 1951 (= Schriften der volkskundlichen Kommission im Provinzialinstitut für Westfälische Landes- und Volkskunde, 9)

Sprenger, Jakob; Institoris, Heinrich: Der Hexenhammer (Malleus Maleficarum). Aus dem Lateinischen übertragen und eingeleitet von J. W. R. Schmidt. München: 71987 (= fotomechanischer Nachdruck der Ausgabe von 1906)

Ström, Ake; Biezais, Haralds: Germanische und Baltische Religion. Stuttgart: 1975 (= Die Religionen der Menschheit, 19,1)

Trier, Jost: Irminsul. In: Westfälische Forschungen 4 (1941), S. 99 – 133

Trier, Jost: Wortgeschichten aus alten Gemeinden. Köln: 1965 (= Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Geisteswissenschaften, 126)

Wichner, Josef: Stundenrufe und Lieder der deutschen Nachtwächter. Regensburg: 1897

Widera, Joachim: Möglichkeiten und Grenzen volkskundlicher Interpretationen von Hausinschriften. Frankfurt: 1990 (= Artes Populares, 19)

Wolfram, Richard: Die gekreuzten Pferdeköpfe als Giebelzeichen. Wien: 1968 (= Veröffentlichungen des Instituts für Volkskunde an der Universität Wien, 3)


Anmerkungen:

1) Widera, J.: Möglichkeiten und Grenzen. S. 7: „Wenn wir auch nicht genau rekonstruieren können, wann und wie die Hausinschrift im ländlichen Bereich entstanden ist, so zeigt uns soch [sic!] ihr ziemlich abruptes, gleichzeitiges Ende, daß – sind die äußeren Bedingungen wie Hausform und eine gewisse Überwindung des Analphabetismus gegeben – nur dann alles blühen und gedeihen konnte, wenn die innere Einstellung dazu vorhanden war.“

2) Sicherlich ist das eine vergleichsweise dünne Basis. Aber der überschaubare Rahmen hat auch seine Vorteile. Der Inhalt einer Inschrift kann sicherlich zutreffend gedeutet werden, ohne daß gleich ausführlich die Verbreitung dieser Inschrift dargelegt werden müßte.

3) Hesse, R.: Hausinschriften. Dieses Buch ist eine lohnende Quelle der Inschriften im Raum Warstein. Leider ist es nicht wirklich vollständig. Weiterhin gibt es einige geradezu originelle Lesefehler und Fehldeutungen. Der erste Teil, der systematisch-theoretische, gibt jedoch fast gar nichts her. Es war dem Autor hoffentlich nicht bewußt, daß er sogar eindeutig nationalsozialistisch beeinflußte Literatur anführt.

4) Die Wiedergabe der Inschriftentexte erfolgt immer kursiv; die Orthographie bleibt – Lese- und Tippfehler vorbehalten – in der alten Form. Jedoch gebe ich die Texte, der besseren Lesbarkeit willen, in normaler Groß- und Kleinschreibung wieder, obwohl die meisten Originale in Majuskeln geschnitzt sind.

5) Schmülling, W.: Hausinschriften. S. 6: „Brauchtumsbedeutung erhält die Hausinschrift erst dann, wenn jeder Bauherr eines neuen Hauses ausnahmslos an seinem Neubau eine Inschrift anbringen läßt. [...] Brauchtumscharakter haben auch die einfachen Bauinschriften, wenn sie das schöpferische Werk des Neubaues aus einer allgemein verpflichtenden Übung heraus verzeichnen, so daß ihre Unterlassung als ein Verstoß gegen die Sitte empfunden würde.“

6) Das hier zugrunde liegende Verständnis des ´Archaischen´ kann nicht ausführlicher dargelegt werden. Es basiert auf folgender Literatur: Maag, V.: Kosmos, Chaos, Gesellschaft und Recht; Ders.: Religionswissenschaftliche Aspekte; Hasenfratz, H.-P.: Die toten Lebenden.

7) Ich möchte damit einen Gedanken ausführen, der in J. Wideras Dissertation (Ders.: Möglichkeiten und Grenzen. S. 17) nur angerissen wird: „Die Hausinschrift hat demnach sehr viel ältere »Wurzeln«. Diese wären in schützenden Symbolen oder sonstigen Darstellungen zu suchen, die vielleicht selbst in der Lebenswelt von Höhlenbewohnern vorhanden gewesen sein mögen. Aber zu beweisen ist letzteres natürlich nicht [...].“

8) Vgl. Schmülling, W.: Hausinschriften. S. 171 – 178.

9) Evangelisches Kirchengesangbuch. Nr. 284.

10) Widera, J.: Möglichkeiten und Grenzen. S. 23.

11) Hier soll vertiefend ein Gedanke aufgegriffen werden, den J. Widera: Möglichkeiten und Grenzen. S. 9 anklingen läßt: „Man kann kaum etwas Verläßliches über Hausinschriften aussagen, wenn man nicht den Hof als einen der wichtigsten zentralen Ausgangspunkte erachtet und benutzt [...].“

12) Heliand. VV. 1121 – 1125.

13) Im HDA finden sich zahlreiche Belege für die abgrenzende Wirkung der Stadtbefestigung. Vgl. HDA III. S. 216 – 218; 1628 – 1631. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen von J. Trier, der die sprachliche und geistige Verwandtschaft von „Mauer“ und „Gemeinschaft“ herausstellt; vgl. Trier, J.: Wortgeschichten.

14) Vgl. Hasenfratz, H.-P.: Die toten Lebenden. S. 12.

15) Vgl. Art. „Nacht“ in HDA VI. S. 768 – 793.

16) Vgl. zur Unehrlichkeit des Nachtwächters Danckert, W.: Unehrliche Leute. S. 57 – 63. Die Darstellung W. Danckerts ist mit sehr kritischem Auge zu lesen. Eine kurze Auseinandersetzung mit den Thesen W. Danckerts findet sich bei Hergemöller, B.-U.: Randgruppen. Neben der Kritik an der Methode betont B.-U. Hergemöller aber den Wert der Überlegungen W. Danckerts.

17) Wichner, J.: Stundenrufe. S. 99.

18) Vgl. Trier, J.: Irminsul.

19) Vgl. Eliade, M.: Die Religionen. § 144.

20) Das einzige Haus, an dem sich keine ausdrücklich christlichen Namen oder Symbole finden, ist auf dem Giebel mit gekreuzten Pferdeköpfen geschmückt. In dieser Giebelzier möchten manche Forscher tieferen Sinn erblicken. Nach R. Wolfram geht es dabei um „Segen, Schutz und Abwehr“. Das Fazit seiner Untersuchung: „Dazu gehört nicht nur das räumliche und zeitliche Erkennen des Denkmalbestandes, sondern auch die Tatsache, daß mit diesen Zeichen Glaubensvorstellungen übereinstimmender Art verbunden waren. Sie sind mehr als nur Zier. Segen, Schutz und Abwehr sollen sie verbürgen. Insofern waren sie wichtig für das Haus und alles Leben in ihm. Auch daß vor allem Pferde dieser Aufgabe dienten, ist nach Kenntnis des alten Glaubens nicht überraschend. Ob ihre Doppelheit mit dem göttlichen Brüderpaar ursächlich verbunden ist, das als Schützer Pferdegestaltigkeit und Verkörperung durch Holzsymbole vielfach vereint, läßt sich nach der Quellenlage nur vermuten, aber nicht eindeutig beweisen.“; Wolfram, R.: Die gekreuzten Pferdeköpfe. S. 120. Hier werden die Wurzeln sichtbar, aus denen die Aufsätze R. Wolframs sprießen, die Kontinuitätssüchtige Pseudowissenschaft der SS-Forschungsgesellschaft „Ahnenerbe“.

21) Agatha Reliquien galten seit frühester Zeit als wirkmächtig gegen Feuer; vgl. LthK 3. S. 225.

22) Vgl. Bender, J.: Die Geschichte der Stadt Warstein. S. 163.

23) Vgl. Widera, J.: Möglichkeiten und Grenzen. S. 8 und die Anmerkung zur Stelle. Dieser Spruch – zu Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals in der Literatur erwähnt – ´geistert´ seitdem gewissermaßen durch die Literatur über Hausinschriften, jedoch stets ohne genaue Herkunftsangabe. Ob die – frühen und späten – Volkskundler da vielleicht einem ebenfalls interessanten volkskundlichen Phänomen – der ´modernen Sage´ – zum Opfer gefallen sind?

24) Widera, J.: Möglichkeiten und Grenzen. S: 15: „Das uralte Schutzverlangen ist und bleibt mit Sicherheit der Ursprung.“

25) Vgl. dazu die Artikel „Schwelle“ und „Tür“ im HDA.

26) Vgl. Der Hexenhammer. I, S. 12. 23; II, S. 75. 77. 131. 151. 152. 194. 195. 219. 247. 264. Selbstverständlich kann der ´Hexenhammer´ nicht unkritisch als Quelle verwendet werden. Sicherlich gibt er aber Vorstellungen wieder, die zur Zeit seiner Abfassung im Umlauf waren. Dabei ist es im Prinzip unwesentlich, ob es sich um Gelehrtenmeinungen oder um volksläufige Vorstellungen handelte, denn beide vermischen sich im Laufe der Jahrhuderte und sind dann kaum noch auseinander zu halten. Zur Kritik an Kontinuitätstheorien bezüglich des Hexenglaubens vgl. Daxelmüller, Chr.: Aberglaube.

27) Hexenhammer II. S. 76 f.

28) Widera, J.: Möglichkeiten und Grenzen. S. 14.

29) Vgl. Widera, J.: Möglichkeiten und Grenzen. S: 48 – 57, wo er auf den Einfluß des Pfarrers und anderer Angehöriger der ´gebildeten Stände´ bei der Auswahl der Hausinschriften eingeht.

30) Vgl. die verschiedenen Aufsätze im Sammelband Kontinuität?; sehr deutlich auch Daxelmüller, Chr.: Aberglaube.

31) Die Annahme, daß sich Hausinschriften auf diesem Wege entwickelt haben, habe ich von Schmülling, W.: Hausinschriften. übernommen. Sie ist bisher nicht eindeutig materiell belegt. Ihre ´unromantische´ Grundtendenz verhindert die schnelle und bequeme Erklärung des Phänomens der gedanklichen oder direkten Kontinuität.

32) Widera, J.: Möglichkeiten und Grenzen. S. 14 über Ornamente und Zeichen in Hausinschriften: „Und dort befinden sich auch zahlreiche andere Elemente, die man nicht nur als Inschriften-Begleitung oder -Ergänzung, sondern mit Sicherheit auch als deren Vorläufer ansehen sollte.“

33) Dieser Spruch stammt aus Goethes Faust I (&82 f.). Im Original heißt es dort „Was du ererbt von deinen Vätern hast...“. Das Zitat ist aber längst aus seinem ursprünglichen Kontext gelöst, ist zum Sprichwort geworden, in dem ein ´überflüssiges´ Wort schnell verschwindet. Die Tradierung dieses Sprichwort hat nichts mehr mit der Verbreitung seiner Quelle zu tun.

34) Ich betone ausdrücklich: Es geht um die Feststellung eines ´Klimas´, einer allgemeine Stimmung, in die auch dieses Zitat paßt. Damit ist weder eine Aussage gemacht über eine Nähe der Hausbesitzer zum Nationalsozialismus, noch – es wäre eine zu große Dummheit – über eine Verwandtschaft Goethes mit nationalsozialistischen Gedanken.

35) In Suttrop findet sich ein Steinhaus, über dessen Tür ebenfalls „Grüss Gott“ zu lesen ist. Wie sehr diese Inschrift aus dem Rahmen fällt, eine auffällige Ausnahme darstellt, wird daran deutlich, daß das Haus das ´Grüß-Gottsche Haus´ genannt wird, die langjährige Bewohnerin als ´die Grüß-Gottsche´ bezeichnet wurde.

36) Gotteslob. Nr. 612. Teilweise gehen die konkreten Formulierungen dieses Liedes auf paulinische Texte zurück.


Erstfassung: 1997 - Stand: 6. November 2001