Leserbriefe zur Warsteiner Geschichte

 

Eine Auseinandersetzung, irgendwo zwischen Geschichte und Politik

Manchmal ist es kein weiter Weg vom ´Fels´ bis zum ´Stein des Anstoßes´



In Erinnerung an das im letzten Jahr gefeierte Jubiläum "725 Jahre Stadt Warstein" wurde im August 2002 ein Gedenkstein eingeweiht, auf dem - nach Aussagen des Verfassers unter Zeitdruck und eher provisorisch - folgende Inschrift angebracht wurde:


Zur Erinnerung an die Jubiläumsfeierlichkeiten
725 Jahre Stadt Warstein (1276 - 2001)
Am 18. und 19. August 2001

"Du bist Petrus der Fels und auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen!"

Dieses Wort aus dem Neuen Testament wurde in Warstein sinnbildlich durch die Errichtung der "Alten Kirche" auf dem Stadtberg. Der spätromanische Kirchbau (errichtet um das Jahr 1236 und somit einige Zeit vor der eigentlichen Stadtgründung) bildet die Urzelle allen städtischen und kirchlichen Lebens seit der Gründung unserer Stadt. In der wechselvollen Geschichte der Stadt Warstein diente der Stadtberg - geschützt durch die Stadtmauer - als Siedlungsfläche der Bürgerschaft und die alte Pfarrkirche mit ihrem starken Wehrturm als Zufluchtsort in Not und Bedrängnis.

Somit war es nur eine logische Schlußfolgerung, die Feierlichkeiten zum 725 jährigen Stadtjubiläum hier auf dem Stadtberg zu begehen. An dieses farbenfrohe und gelungene Volksfest will dieser Gedenkstein erinnern.


Diese Inschrift ist ohne jeden Zweifel historisch unhaltbar. Und so gab es tatsächlich eine - leserbriefliche - Reaktion auf den Stein und seine Inschrift:


Warsteiner Anzeiger, Lokalteil Warstein, 22. August 2002

Zu dem am Wochenende enthüllten "Gedenkstein " an der Alten Kirche in Warstein schreibt Dietmar Lange aus Warstein:

Vor einigen Tagen stellte man an Warsteins Alter Kirche einen Gedenkstein auf, der an das Altstadtfest zum Stadtiubiläum im vergangenen Jahr erinnern soll. Zweifellos ist es in Ordnung, Gedenksteine aufzubauen um an historische Ereignisse zu erinnern oder Erinnerungen wach zu halten.
Enttäuschend ist es erst dann, wenn festgestellt wird, dass mit dem Gedenkstein verbundene Inschriften schlichtweg falsch sind.
Leider stimmen an dem am vergangenen Samstag übergebenen "Gedenkstein" weder die kunstgeschichtliche Einordnung unseres Wahrzeichens, der Alten Kirche, noch ihr Erbauungsdatum und manch Anderes.
Im Interesse der Jahrhunderte langen Geschichte unserer Stadt und ihrer Tradition, vor allem aber der vielen Besucher des Stadtberges sollten sich die Initiatoren befleißigen, vernünftig zu recherchieren. Denn - Gedenksteine entstehen eigentlich für immer und ewig - und nicht nur für Wahlkampfzeiten oder Legislaturperioden.

Dietmar Lange,
Zum Zehnthof 1
Warstein


Die Reaktionen auf diesen dummen Leserbrief waren heftig. Insgesamt drei leserbriefliche Reaktionen zu diesem Schreiben liegen vor. Zuerst meldeten sich die Initiatoren des letzjährigen Stadtjubiläums zu Wort:

Warsteiner Anzeiger, Lokalteil Warstein, 24. August 2002


Zu dem Leserbrief von Dietmar Lange, der falsche Fakten auf dem Gedenkstein an der Alten Kirche bemängelte, schreiben Bernd Schauten und Manfred Gödde:

Schulmeisterlich.
Ein schlichter Stein als Erinnerung sollte an ein von allen Warsteinern mit Lob und Anerkennung bedachtes Stadtjubiläum erinnern. Für uns war es der endgültige Abschluss für ein mit viel Mühe und Arbeit organisiertes Fest.
Dass nun zum Schluss Warsteins "Heimatforscher" Dietmar Lange die Inschriften anzweifelt, verwundert uns schon sehr. Genaue Daten aus der früheren Geschichte gibt es infolge der vielen Stadtbrände nicht. Die auf dem Stein angegebene Jahreszahl steht Jahrzehnte auf einem Hinweisschild zur "Alten Kirche" am Treppenaufgang zu "Trockels Knäppchen". Sie ist niemals in Zweifel gezogen worden. Bei der kunstgeschichtlichen Einordnung hätten wir uns sicherlich eines Geschichtsprofessors oder anderer Sachverständiger bedienen können. Der Stein wäre dann wahrscheinlich erst zum nächsten Stadtjubiläum errichtet worden.
Da Dietmar Lange sich von Anfang an geweigert hat, uns beim vergangenen Stadtjubiläum zu unterstützen, konnten wir auch jetzt nicht davon ausgehen, dass er uns mit Rat und Tat zur Seite stehen würde.
Den unterschwelligen Hinweis auf "Wahlkampfzeiten oder Legislaturperioden" weisen wir als unverschämt zurück. Im Gegensatz zu Dietmar Lange haben wir oft genug bewiesen, dass wir, wenn es um das Wohl unserer Stadt geht, alle unterschiedlichen politischen Auffassungen außen vor lassen können.
Im Übrigen gibt es in Warstein genug andere Probleme, mit denen wir uns befassen sollten.

Bernd Schauten Akazienweg 25 Manfred Gödde An der Beine 6 Warstein


Ohne Frage wird auch aus diesem Schreiben eine etwas befremdliche Auffassung von Geschichte und vor allem von der Geschichte als Wissenschaft deutlich. Selbstverständlich ist das auf einem hölzernen Hinweisschild angegebene Erbauungsjahr der Alten Kirche in Zweifel gezogen worden. Oder besser: Niemand hat in den vergangenen Jahrzehnten ernsthaft dieses Jahr als Erbauungsjahr (oder großzügiger: Als Erbauungszeitraum) angenommen. Es liegt ja nun auf der Hand, daß die Alte Kirche unmöglich vor der Anlage einer Stadt erbaut worden sein kann. Die zentrale Siedlung - heutige Wüstung "Altenwarstein" - liegt fast 2 Km entfernt, der Stadtberg war alles andere als siedlungsgünstig. Er ist ´wasserlos´, im klüftigen Massenkalk kann sich das Regenwsasser nicht halten, Quellen fehlen, da das Wasser schnell durch die Klüfte auf das Niveau des Karstgrundwassers durchsickert: Der Karstgrundwasserspiegel dürfte im Schnitt etwa 70 m unterhalb des Niveaus der Alten Kirche liegen.
Auch das klischeehafte Bild vom ´Geschichtsprofessor´ paßt in dieses Bild. Gerade in der ´Heimatgeschichte´ stößt man auf wenig Verständnis, wenn man darauf verweist, daß einige Dinge eben nicht wirklich zu wissen sind, daß man durch gründliche vergleichende Arbeiten vielleicht in manchen Bereichen eine gewisse Wahrscheinlichkeit, aber eben nicht die schöne schlichte ´So-war-es-und-nicht-anders-Sicherheit´ erreichen kann.



Auf einen ganz anderen Aspekt verweist der zweite Leserbrief:


Warsteiner Anzeiger, Lokalteil Warstein, 24. August 2002

Zu dem Leserbrief von Dietmar Lange über den Gedenkstein an der Alten Kirche in Warstein schreibt Uli Figur:

Da interessierte ich mich mal wieder für einen Leserbrief, weil mich die Überschrift Jnschriften auf dem Stein schlichtweg falsch" doch hoffen ließ, dass es diesmal nicht um einen politisch orientierten Beitrag, sondern um reine Information gehen würde. Man ist es ja als Zeitungsleser inzwischen gewohnt, dass unsere Kommunalpolitiker diese Forum nutzen, um sich - auf Teufel komm raus - zu beschimpfen, zu beleidigen oder sonst wie zu diffamieren. Ich denke, ich bin nicht der einzige Leser, den das bisweilen echt langweilt.
Aber nun, echte Information?!
Wie enttäuscht war ich, als ich mich dem letzten Satz des Textes näherte. Es wurden mal wieder politische Gegenspieler, wenn auch auf eine etwas diffizilere Art und Weise, bloßgestellt. Diese hatten doch nun wirklich nichts Böses im Sinn. Sicher steht es dem Kustos der Stadt (der offensichtlich bei der Erstellung des Gedenksteins nicht eingeladen war) zu, wenn nicht ist es sogar seine Aufgabe, auf derartige Fehler hinzuweisen.
Ich hätte es allerdings für besser gehalten, wenn man so einen Fauxpas intern mit den Errichtern bespricht und ausräumt, entgegen aller politischen Gesinnung. Es scheint aber niemand bereit zu sein, die Spirale der Gemeinheiten zu verlassen.
So jedenfalls erhärtet sich der Verdacht, dass in Zukunft jede Kleinigkeit zu parteipolitischen Gunsten ausgeschlachtet wird und wir diese "Wichtig- oder Unwichtigkeit" auch noch präsentiert bekommen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zu letzt.

Uli Figur Christine-Koch-Straße 12 Warstein

 


Zuletzt habe auch ich einen deutlichen Kommentar zu den Vorkommnissen verafaßt, denn auf einen Bereich ist man noch gar nicht eingegangen: Mit welchem Recht wird hier eigentlich ausgerechnet von dieser Seite so laut geschimpft?


Warsteiner Anzeiger, Lokalteil Warstein, 24. August 2002

Selbstverständlich ist D. Lange beizupflichten, wenn er ´vernünftige Recherche´ über historische Gegenbenheiten fordert, auch und vor allem wenn es sich um Inschriften auf Gedenksteinen handelt. Und ohne Frage sind verschiedene Angaben auf dem neu errichteten Gedenkstein an der Alten Kirche historisch falsch – ich selbst habe darüber noch vor wenigen Tagen mit D. Lange gesprochen.

Aber: Hier reicht das Sprichwort nicht, daß ein Esel den anderen Langohr schimpft, im Leserbrief von D. Lange schimpft wahrlich der ´König der Esel´! Ausgerechnet Dietmar Lange wirft anderen nachlässigen Umgang mit historischen Fakten vor und tut das dann auch gleich lauthals in der Öffentlichkeit; wäre ein Anruf bei den Initiatoren, vielleicht sogar verbunden mit dem Angebot einen korrekten Text zu verfassen, nicht der bessere Weg gewesen?

Ich stelle mir vor, für jede historische Ungenauigkeit und für jeden sachlichen Fehler in schriftlichen Äußerungen D. Langes würde je ein Leserbrief geschrieben: Man müßte die Tageszeitung um eine Sonderbeilage ergänzen. Auch und gerade in den Fragen, um die es hier geht – Stadtgründung, Einordnung der Alten Kirche, die ´mysteriöse´ Urkunde von 1237 – liegen ausreichend unhaltbare Äußerungen D. Langes vor.

D. Lange hat bis heute nicht den Stand der landesgeschichtlichen Forschung zur Kenntnis genommen, daß die Gründungsurkunde des Klosters Grafschaft ein Fälschung ist und daß der Ort Warstein erst um 1200 in diese Fälschung nachgetragen worden ist. Noch im Bildband aus dem vergangenen Jahr wird der Unsinn verbreitet, Warstein werde 1072 erstmals urkundlich erwähnt. Kundige Historiker wissen seit 1922 (!) um die tatsächlichen Verhältnisse.

Auch schreibt D. Lange nach wie vor, Warstein sei 1276 gegründet worden. Wir wissen wirklich nicht viel über die frühe Geschichte Warsteins – aber wir wissen sicher, daß Warstein nicht 1276 gegründet worden ist. Ich habe darüber im vergangenen Jahr einen ausführlichen Aufsatz in der neuen Zeitschrift „SüdwestfalenArchiv“ veröffentlicht. Zahlreiche angesehene Historiker haben die dort vorgetragene These unterstützt. Wen es interessiert: Im Internet unter www.Stefan-Enste.de ist der Aufsatz nachzulesen.

1987 wurde in Warstein ein Jubiläum gefeiert: „750 Jahre Kirche in Warstein“. Anläßlich dieses Jubiläums erschien D. Langes Examensarbeit in Buchform. Er erwähnt darin mehrfach eine Urkunde von „1237“ in der erstmals eine Kirche in Warstein erwähnt sei. Tatsächlich ist diese Urkunde von 1238 – eine kleine Tücke der mittelalterlichen Zeitrechnung. Das ist historisches Grundlagenwissen, das ´kleine 1x1´ des Historikers. Wer aber das kleine 1x1 nicht beherrscht, der sollte sehr viel zurückhaltender sein, wenn er den Verfasser einer provisorischen (!) Tafel angreift.

Dietmar Lange hat keine Ahnung von der mittelalterlichen Geschichte des Warsteiner Raumes – das beweist er mit seinen Veröffentlichungen. Er selbst reißt seit Jahren mit Bravour die Latte, die er dem Verfasser des Textes auf dem Gedenkstein aufgelegt hat.

Daß er am Ende den Initiatoren des Gedenksteins und dem Verfasser des Textes politische Motive unterstellt, ist ein persönliches Armutszeugnis, das mich sehr nachdenklich gemacht hat.

Stefan Enste
Untere Hagenstraße 12
59581 Warstein-Hirschberg