Leserbrief „Stoot op Singen“

 

Warum muss es denn immer gleich so alt sein?

In Warstein wird das sogenannte ´Stoot Op Singen´ gepflegt. Ein alter Brauch, bei dem Mitglieder der Junggesellen-Schützenbruderschaft am frühen Ostermorgen durch die Stadt ziehen und an verschiedenen Punkten den Liedvers "Stoot op, stoot op, lowet Guott den Herren!" (freie Niederschrift des Plattdeutschen Textes), also "Steht auf, steht auf, lobet Gott den Herren!" singen. Es gibt verschiedene Theorien, woher dieser Brauch stammen soll.

Zum Osterfest des Jahres 2004 erschien jedoch ein Artikel in der heimischen Presse, der alle bisherigen Rückdatierungen überbot.




Ich habe einen Leserbrief dazu verfasst, um einige Hintergrundinformationen zu diesem sicherlich alten, aber höchstwahrscheinlich längst nicht so uralten Brauch zu liefern:


In der Gründonnerstags-Ausgabe der Warsteiner Tageszeitungen waren wieder interessante Dinge über das Stoot op-Singen in Warstein zu lesen – eine alte Legende wurde noch ein wenig weiter in die Vergangenheit verlängert: Das Stoot-op-Singen soll nun gleich bis in die Zeit Karls des Großen zurückreichen. Das ist tollkühn. Es gibt nicht einen einzigen belastbaren Hinweis auf ein wirklich hohes Alter dieses Brauches, dennoch wird sein Ursprung gleich um rund 1200 Jahre in die Vergangenheit verlegt.
Glocken seien angeblich erst um 900 in Italien aufgekommen. Das ist falsch. Schon in der Antike fanden sich kleine Glocken im Bereich des christlichen Mönchtums. Mit diesen Glocken wurde zum Gebet gerufen. Das Wort „Glocke“ leitet sich übrigens von einem irischen Wort („cloc“) ab, denn in unserem Bereich machten irische Wandermönche im frühen Mittelalter die kleine Glocke bekannt. In einer in das späte 7. Jahrhundert zu datierenden Quelle wird bereits von einer Klosterglocke in Frankreich berichtet. Schon die Pfalz in Aachen war mit einer Glocke ausgestattet und auch in Fulda wurde 779 die Glocke anläßlich des Todes von Abt Sturmius geläutet. Glocken gibt es – auch in unserem Bereich – also seit der Einführung des Christentums. Die ´Erfindung´ der Glocken hilft gar nicht weiter, wenn es um die Datierung des Stoot-op-Singens geht.
Wie eigentlich allgemein bekannt, schweigen die Glocken in der Zeit von Gründonnerstag bis Ostern. Dieser Brauch ist mindestens seit dem Jahr 850 bezeugt. Im Gottesdienst ersetzen Klappern die Ministrantenglocken, die Gläubigen wurden in der Zeit des Glockenschweigens mit Holzratschen oder Klappern zu den Gottesdiensten gerufen. Der Ruf zur Auferstehungsfeier war nötig, weil die Glocken schweigen, nicht, weil es noch keine Glocken gab! Aus zahlreichen Orten im gesamten deutschen Sprachraum sind Bräuche bekannt, die zu unterschiedlichen Gottesdiensten in der Zeit des Glockenschweigens rufen (selbst die Ankündigungen der Tageszeiten werden in der Eifel teilweise durch umherziehende ´Klapperkinder´ vorgenommen). Meist geht es dabei sehr laut zu. Es wird nicht (nur) gesungen, es wird gelärmt, mit den bekannten Ratschen, oder auch mit anderen Lärm-Instrumenten. Diese Bräuche sind meist nicht sicher zu datieren. Es paßt jedoch ins allgemeine liturgiegeschichtliche Bild, diese Bräuche in der Zeit des Barock und in die Gegenreformation anzusiedeln. In dieser Zeit nahm der Passionskult einen großen Aufschwung, außerdem finden sich in der Katechismus-Literatur dieser Zeit Empfehlungen, das Klappern in den Gemeinden einzuführen. Wie bei vielen brauchtümlichen Äußerungen, die in der Vergangenheit gern gleich bis in das ´germanische Heidentum´ zurückverlegt wurden, handelt es sich auch hier um einen Brauch, der aus dem Bereich der Liturgie stammt, von dort aus in den Bereich des Volkes ´abgesunken´ ist (man sagt das in der Volkskunde so). Übrigens finden sich bei den Weckrufen immer wieder auch solche, die mit „Stoot op“ (im jeweiligen regionalen Dialekt) beginnen – was aber bei einem Weckruf einerseits nicht verwundern kann, andererseits nun wirklich keinen mittelalterlichen Mönch als Verfasser voraussetzt.
Im Gegenteil, die ´gesittete´ Form, das Weglassen der Lärm-Instrumente, das alles verweist eher darauf, daß das Stoot-op-Singen eine gewisse ´Bändigung´ erfahren hat. Allzu heftige Brauchtumsäußerungen wurden in der Zeit der Aufklärung von der kirchlichen Obrigkeit häufig in die Schranken verwiesen.
Wie alt das Warsteiner Stoot-op-Singen ist, kann möglicherweise durch gründliche Archivarbeit bestimmt werden, es wäre aber ein sehr glücklicher Zufallsfund nötig. Auch in Wiedenbrück gab es ein angeblich jahrhundertealtes Osterwecken, mit angeblich „altüberlieferter Melodie“. Genaue Nachforschungen erbrachten, daß der Osterweckruf um 1830 verfaßt und komponiert worden war. Von Wiedenbrück aus verbreitete sich der Brauch in der Gegend. Der Text dieses Liedes: „Steht auf, steht auf, Christen steht auf und singt dem Herrn Alleluja!“. In der äußeren Form gibt es also kaum Unterschiede zwischen dem Wiedenbrücker „Steht auf“ und dem Warsteiner „Stoot op“. Trotzdem meint man in Warstein offenbar, ein Alter von 1200 Jahren annehmen zu dürfen – in Wiedenbrück war man genügsamer, hier reichten die historisch erwiesenen knappen 200 Jahre.
Nebenbei: Wie wichtig ist denn das Alter eines Brauches? Kommt es nicht vielleicht doch mehr auf die Aussage des Textes selbst an? Der fordert Sänger und Hörer zum Aufstehen und zum Osterlob auf – egal, ob er nun 200 Jahre oder älter ist.

Stefan Enste