Zum Verzweifeln...

 

„Minimal-Marketing“ für die Bilsteinhöhle im Jahr 2002

Und wie ging es weiter?

Mittlerweile ist der Anrufbeantworter angeschlossen. Ines Lammert, Kollegin im Pfarrgemeinderat Hirschberg, hatte noch ein altes Schätzchen in der Ecke stehen, aber das gute Stück funktionierte. Technische Klippen half Andreas Funk zu umschiffen. Und nun läuft das Gerät und erleichtert allen Beteiligten ihre alltägliche Arbeit - übrigens auch den Angestellten der Stadtverwaltung im Rathaus, die wenigstens den Anrufbeantworter, wenn schon nicht den Höhlenführer, erreichen können. Vor allem aber: Es ist ein winziger Schritt getan worden, um aus der Bilsteinhöhle ein kundenorientiertes touristisches Ziel zu machen. Und jeder Schritt in diese Richtung ist wichtig, wichtiger als alle Luftschlösser die man sich mit virtuellen Millionen von Brauerei und Land vorlügt.
Ach ja, noch eine Eigeninitiative: Heinrich Greifenstein - einer der Höhlenführer - hat in Heimarbeit einen Übersichtsplan über das Gelände der Bilsteinhöhle und des Wildparks erstellt, in Holz gefräst. Auch dieser Plan ist mittlerweile aufgestellt und hilf Besucherinnen und Besuchern, sich im recht weiträumigen Gelände zurecht zu finden. Mit welchen Argumenten hätte sich der Bürgermeister und der zuständige Fachdienstleiter wohl herausgemogelt, wenn ein solches Hinweisschild beantragt oder gewünscht worden wäre - wir werden es leider nicht erfahren.
Eigentlich schade, es ist schließlich immer wieder erstaunlich, wieviel Kreativität diese Personen aufwenden, um der Höhle nicht nützen zu müssen...

Am 29. Januar 2002 ging folgender Antrag an Bürgermeister und Rat der Stadt Warstein:

Stefan Enste                                                                      Hirschberg, den 29. Januar 2002
Untere Hagenstraße 12
59581 Warstein-Hirschberg
Enste.Hirschberg@t-online.de


An
Bürgermeister und Rat der Stadt Warstein

Betr.: Winzigste Marketing-Schritte für die Bilsteinhöhle – drei Anträge

Sehr geehrter Herr Juraschka,

sehr geehrte Damen und Herren, Kolleginnen und Kollegen im Rat der Stadt Warstein,

das Jahr 2001 ist vorüber und wieder war es für den Betrieb der Bilsteinhöhle ein sehr enttäuschendes Jahr. Wieder sind die Besucherzahlen gesunken, erneut sind über 3.000 Besucherinnen und Besucher weniger zur Bilsteinhöhle gekommen. Zur Verdeutlichung zwei Graphiken:




Dargestellt ist hier die Entwicklung der Besucherzahlen in den Jahren 1991 – 2001 an der Bilsteinhöhle im Vergleich zur Entwicklung an der Dechenhöhle. Im Laufe der vergangenen 10 Jahre ist bei beiden Höhlen die Zahl der Besucher zurückgegangen, soviel ist beiden gemeinsam. Es fällt aber auf, daß es der Dechenhöhle in den vergangenen Jahren gelungen ist, zuerst den Abwärtstrend aufzuhalten (etwa seit 1996), zuletzt sogar einen gewisse Trendwende hin zu mehr Besuchern einzuleiten. Im Gegensatz dazu befindet sich die Bilsteinhöhle nach wie vor in einem ´stabilen Abwärtstrend´. Fast 20.000 Besucher trennen die Bilsteinhöhle von der Dechenhöhle. Unterhalb der 40.000-Besucher-Schwelle beginnt für Schauhöhlen langsam der Bereich der Bedeutungslosigkeit.

Der Unterschied in der Besucherzahlenentwicklung zwischen der Dechenhöhle und der Bilsteinhöhle ist noch recht einfach zu erklären. Die Betriebsführung der Dechenhöhle arbeitet mit viel Phantasie und Engagement an der Entwicklung des touristischen Zieles „Dechenhöhle“. Die dort unternommenen Anstrengungen sind beachtlich, wenngleich man über die verschiedenen Maßnahmen durchaus geteilter Meinung sein kann.




Eine zweite Graphik macht die Situation noch einmal deutlich. Dargestellt ist hier der ´Jahresgang´, die monatlichen Besucherzahlen an der Bilsteinhöhle in vier unterschiedlichen Jahren. Es fällt auf, daß in allen Bereichen kräftige Rückgänge zu verzeichnen sind, es insgesamt zu einer ´Verflachung´ gekommen ist, also die kräftige Spitze im Sommer fehlt. An dieser Stelle wäre endlich eine ehrliche und kompetente Situationsanalyse geboten. Schnelle Erklärungen und Lösungsangebote sind hier gründlich verfehlt.

Statt aber auf irgendeinen fernen Tag zu warten, sollte möglichst bald begonnen werden, an der Besucherfreundlichkeit des Zieles „Bilsteinhöhle“ zu arbeiten. Daß auch vier Wochen nach der Einführung des Euro noch immer keine Kasse mit Euro-Zähleinsätzen vorhanden ist, der Höhlenführer also irgendwie die Euro-Münzen in die DM-Schächte friemeln muß zeigt, wie groß das Desinteresse der zuständigen Verwaltungsstellen ist. Die ´Vorwarnfrist´ für den Euro betrug schließlich nur einige Jahre... Eine angemessene Internet-Präsenz ist bereits verschlafen worden, höchste Zeit also, auf anderen Gebieten wenigstens den ´Standard des 20. Jahrhunderts´ zu erreichen. Diesem Ziel dienen die hier vorgelegten zwei Anträge. Es geht darum, endlich minimalste Anforderungen des Tourismusmarketings und der Besucherorientierung zu erfüllen – und das auch noch ohne wesentliche Kostenbelastung.


Antrag 1:

Eintrag der Bilsteinhöhle in das Telefonbuch

Die Bilsteinhöhle ist bisher im Telefonbuch unter „S“ verzeichnet, als Untereintrag unter „Stadtverwaltung Warstein“ mit dem Eintrag „Tropfsteinhöhle“. Bei Besucherinnen und Besuchern der Bilsteinhöhle können aber nun wirklich nicht wie selbstverständlich detaillierte Kenntnisse über verwaltungstechnische Organisationsstruktur und Eigentumsverhältnisse vorausgesetzt werden. Auch die Suche im Telefonbuch auf den Internet-Seiten der Telekom führt nicht weiter. Auswärtigen Besuchern gegenüber wird eine völlig unnötige und schädliche Hürde aufgebaut. Dieses jahrelange Versäumnis gehört schleunigst abgestellt.

Niemand käme – um wieder den Vergleich zur Dechenhöhle zu bemühen – darauf, die Dechenhöhle unter der Telefonnummer der Eigentümerin, also der Mark-Sauerland-Touristik, zu suchen.

Aus diesem Grund beantrage ich den sofortigen Eintrag der Bilsteinhöhle als „Bilsteinhöhle“ unter dem Buchstaben „B“ in die entsprechenden Telefonbücher.


Antrag 2:

Anschaffung eines Anrufbeantworters für den Telefonanschluß der Bilsteinhöhle

Die Kassenhütte an der Bilsteinhöhle ist nur wenige Stunden am Tag besetzt. Höhlenführungen, Tätigkeiten im Gelände sowie die zeitlich immer aufwendigeren Tätigkeiten im Wildpark führen dazu, daß potentielle Besucher unnötig viele Versuche unternehmen müssen, bis sie endlich die gewünschten Informationen telefonisch erhalten. Gerade in der Nach- und Nicht-Saison könnte sogar der Eindruck entstehen, daß die Höhle geschlossen ist. Das ist alles andere als kundenfreundlich und möglicherweise mit spürbaren Einnahmeverlusten verbunden.

Ein Anrufbeantworter könnte mit einem informativen Text über die Öffnungszeiten und die Eintrittspreise besprochen werden. Abgesehen von ´besetzt´ ginge nun kein Anruf mehr ins Leere. Potentielle Besucher könnten eventuelle Anmeldungen bereits auf Band hinterlassen.

An der Dechenhöhle ist ein Anrufbeantworter seit Jahren selbstverständlich.

Aus diesem Grund beantrage ich die sofortige Anschaffung eines Anrufbeantworters für die Kassenhütte an der Bilsteinhöhle.


Antrag 3:

´Weiterbeschäftigung´ des interfraktionellen Arbeitskreises

Hier sind nur zwei der eklatantesten Versäumnisse im Tourismus-Marketing berücksichtigt. Sinnvoll wäre es, sich gemeinsam auf die Suche nach weiteren Verbesserungen zu machen. Der einmal eingerichtete interfraktionelle Arbeitskreis – mit Vertretern der Fraktionen, sachkundigen und interessierten Bürgern, dem zuständigen Förster H. Dictus, den Höhlenführern – wäre das geeignete Gremium, um in diese Richtung weiterzudenken. Die oben in Anträge gekleideten Beispiele haben vielleicht deutlich gemacht, daß es dabei nicht um das Ausgeben hoher Beträge geht. Wichtiger als Geld ist in diesem Bereich der feste Vorsatz, die Bilsteinhöhle zu einem besucherorientierten Ziel zu machen.

Aus diesem Grund beantrage ich, den interfraktionellen Arbeitskreis auch im Jahr 2002 wieder einzuberufen. Seine Aufgabe sollte sein, Mängel in der bisherigen Betriebsführung zu analysieren und realisierbare Verbesserungen aufzuzeigen.

Alle drei Anträge zielen darauf, kleine Schritte auf dem Weg zu einer besucherorientierten touristischen Einrichtung zu machen. Wenn dieser Weg nicht beschritten wird, wird der Betrieb der Bilsteinhöhle in wenigen Jahren wirtschaftlich nicht mehr tragbar sein.

Zur Klärung weiterer Fragen stehe ich allen Interessierten und Zuständigen jederzeit gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Enste (Unterschrift)

 

Dieser Antrag wurde ´vorgezogen´ in der nächsten Sitzung des Kulturausschusses besprochen.

Die Reaktionen waren interessant. Von Verwaltungsseite wurde zuerst gar nichts gesagt, dann irgendetwas genuschelt, die Höhle gehöre nicht unter "B" ins Telephonbuch, das sei ein Beschluß der Vergangenheit...

Interessanterweise ist von diesen unklaren Äußerungen im Protokoll der Sitzung - mal wieder - nichts zu finden. Ein Anrufbeantworter sei sicher irgendwie sinnvoll, ja ja, man werde sehen, vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Im Sitzungsprotokoll ist jedenfalls zu lesen:

Niederschrift über die 7. Sitzung des Ausschusses für Kultur und Touristik am 05. 02. 2002


"Zu dem Antrag des Herrn Enste an den Rat (Nr. 145), der bereits den Ratsmitgliedern vorliegt, teilt Herr Heppekausen mit, dass die dort angesprochenen Angelegenheiten, welche die einfachen Geschäfte der laufenden Verwaltung beinhalten, auch von dieser behandelt werden würden, sofern Handlungsbedarf hinsichtlich Aspekten des interfraktionellen Arbeitskreises tangiert seien, sollte dieser über mögliche Maßnahmen befinden.
Herr Häckel gibt kund, dass dieses Gremium zum gegebenen Zeitpunkt einberufen werden wird."

Es handelt sich hierbei um die üblichen Nicht-Aussagen, die von der Stadtverwaltung Warstein immer vorgetragen werden, wenn es um dringende Höhlenangelegenheiten geht.


Mit nicht geringer Überraschung konnte ich dann registrieren, daß der Antrag sich auch - trotz der oben angeführten ´Behandlung´ durch den Ausschuss - in den Unterlagen für die Ratssitzung am 18. März 2002 fand. Dort wurde der Antrag dann auch vorgelegt und vom Bürgermeister an den Ausschuss für Kultur und Touristik verwiesen. Da der Antrag dort ja schon so überaus sachgerecht behandelt worden war, bat ich im Rat um Entscheidung über den Antrag. Der Einfachheit halber wieder Zitat aus dem Sitzungsprotokoll:

Niederschrift über die 19. Sitzung des Rates der Stadt Warstein

am 18. 03. 2002 im Sitzungssaal des Feuerwehrgerätehauses Warstein


Antrag Nr. 145 des Herrn Stefan Enste, Warstein-Hirschberg, betr. winzige Marketingschritte für die Bilsteinhöhle - drei Anträge
RM (= Ratsmitglied) Enste bittet, dem Antrag Nr. 2 stattzugeben und einen Anrufbeantworter für die Bilsteinhöhle anzuschaffen. Bürgermeister Juraschka teilt mit, dass dieses aufgrund der Interimswirtschaft (dh. es gibt derzeit keinen gültigen Haushalt) nicht möglich sei. Aufgrund dieser Aussage zieht RM Enste den Antrag Nr. 2 zurück und gibt bekannt, dass er einen Anrufbeantworter für die Bilsteinhöhle spenden werde. Die Aussage wird unter Beifall zur Kenntnis genommen. Im übrigen wurde der Antrag bereits im Ausschuss für Kultur und Touristik beraten.

Wenn es noch eines Beweises für die Unfähigkeit und das Desinteresse der an der Verwaltung der Bilsteinhöhle beteiligten Personen bedurft hätte - hier wäre er erbracht worden. Der Bürgermeister der Stadt Warstein redet sich mit Formalargumenten aus einer Investition von ca. 30-50 Euro heraus. Selbstverständlich - rein formal hat er recht, aber - wie so oft - man hat reichlich wenig in der Hand, wenn man nur ´recht hat´. Ein halbwegs begabter Verwaltungsmensch hätte einen einfachen Weg gefunden, um die Anschaffung zu rechtfertigen. Aber da nun einmal kein Interesse in dieser Richtung vorhanden ist, muß man sich nun langsam fragen, ob vielleicht Absicht im Spiel ist. Wer so handelt muß sich fragen lassen, ob er den Betrieb Bilsteinhöhle absichtlich ruinieren möchte. Der Verdacht drängt sich bei solch verantwortungslosem Handeln auf.
Die Schlußbemerkung, der Antrag sei im Kulturausschuss bereits behandelt worden, ist lächerlich.


Fazit: Es bleibt spannend in Warstein. Aber die Unfähigkeit und das Desinteresse der Stadtverwaltung an der Bilsteinhöhle lassen keinen Raum für Hoffnungen, daß es an der Höhle in absehbarer Zeit durch Maßnahmen der Höhleneigentümerin - der Stadt Warstein - bergauf gehen könnte.

Die folgende kommunalpolitische Episode liegt nun schon einige Jahre zurück. Sie ist aber durchaus symptomatisch. Die Situation an der Bilsteinhöhle hat sich seitdem weiter verschlechtert. Von den 96.000 Besuchern im Jahr 1991 sind im Jahr 2009 nicht einmal mehr 30.000 geblieben. Einen Anrufbeantworter gibt es mittlerweile zwar, selbst per e-mail ist die Bilsteinhöhle, sind die Höhlenführer mittlerweile erreichbar.

Dennoch: Was sich im Jahr 2002 andeutete, ist in den Jahren darauf nur noch schlimmer geworden. Die Besucherzahlen sprechen eine deutliche Sprache.